Sonntag, 20. September 2015

Auf den Spuren der Humpis - Tag 7


Von Genf nach Lyon. Wir sitzen im Bus. Es geht Richtung Lyon. Die Grenze haben wir schon passiert, jetzt die Maut-Station und dann rauf auf die Autobahn. Gerade konnte man kurz den Mont Blanc aus dem Fenster sehen. Jetzt liegt vor uns das Jura, wenn wir nicht ganz falsch liegen. Das werden die Kaufleute wohl auch schon gesehen haben, als sie damals unterwegs waren. Wir hatten einen angenehmen Tag in Genf. Heute, bei schönem Wetter, hat es sich in seinem schönsten Kleid gezeigt. Wir haben den Hafen erkundet, den Place du Bourg-de-Four, wo schon im Mittelalter Märkte stattgefunden haben. Wir waren recht früh fertig und haben den Blick auf den See genossen und die Gedanken schweifen lassen. Heute endet unser kleiner Ausflug in die Schweiz, zweites Land geschafft. Und wir sind mit nicht einmal 35 Euro pro Person durch die Schweiz gekommen. Wir sind stolz. Wir leben reduziert. Es fühlt sich gut und richtig an. Die Kosten für Unterkunft und Verpflegung der Gesellen auf der Reise übernahm damals die Gesellschaft. Außerdem stattete sie sie regelmäßig mit Kleidung aus. Die Verpflegung umfasste nicht nur Speisen inklusive Brot, Wein und Fleisch für jeden Tag, sondern auch Holz und Licht. War einer der Gesellen krank, wurden die Kosten für Ärzte und Apotheker von der Gesellschaft übernommen. Eigentlich recht komfortabel. Gerade die jungen Gesellen mussten aber sehr genau darüber Buch führen, wie viel sie wofür ausgegeben hatten. Genau das machen wir auch. Wir notieren jeden Franken und Euro, den wir ausgeben. Wir sparen Kosten für Unterkunft und Verpflegung, werden meist liebevoll und kostenlos von unseren Gastgebern versorgt. Für die Wirtsleute, bei denen die Ravensburger Kaufleute für längere Zeit untergekommen waren, gab es damals bei der Abreise, zum Neujahrstag oder bei Taufen teils auch Geschenke. Auch wir versuchen unseren Gastgebern immer eine Kleinigkeit da zu lassen. Wir versuchen uns in vielen Punkten der Reise von damals anzunähern. Da sei es gestattet, dass wir nicht alles zu Fuß laufen. Wir übertragen diese Reise in die heutige Zeit. Nutzen die Verkehrsmittel, die wir heute haben. Den Fernbus zum Beispiel. Bleiben nicht anonym, sondern sprechen mit Menschen. Stellen uns viele Fragen zu dem Leben von damals. Die nächsten Tage werden aufregend. Es ist erst eine Woche vorüber, doch nach all dem was wir gemacht und erlebt haben, könnten es schon viele Wochen sein. Jetzt kommt das Ungewisse, wir haben noch nicht genau geplant, wie wir von Lyon aus weiter machen. Wir wollen auf jeden Fall noch eine Etappe laufen. Vielleicht zwischen Lyon und Avignon, entlang der Rhône. Der Jakobsweg führt da ein Stück entlang. Oder die römische Via Agrippa die links der Rhone flussaufwärts von Arelate, dem heutigen Arles, nach Lugdunum dem heutigen Lyon, führte. Aber jetzt erst einmal Lyon. Im Mittelalter Messestadt, bekannt für seine Seide. Die Ravensburger Handelsgesellschaft hatte hier ein Gelieger. Nur ein Viertel der Transporte der Gesellschaft ging übers Meer, wegen der Piraten. Dann hat man ab Lyon die Waren auf der Rhone auf Schiffe verladen bis nach Avignon. Von dort über mehrere Häfen nach Barcelona. Wenn man Glück hatte, dann konnte man diese Passage in etwa 30 Tagen zurücklegen. Wir haben noch genau zwei Wochen. Das wird schon.

Anne

Samstag, 19. September 2015

Auf den Spuren der Humpis - Tag 6

Von Bern nach Genf. Per Anhalter. Wir sind ja nicht ohne Grund auf den Straßen unterwegs. Schließlich verlaufen viele unserer heutigen Autobahnen direkt neben römischen Straßen. Der kürzeste Weg, damals und heute. Handelswege. Immer noch genutzt. Auch wenn in der Schweiz deutlich weniger LKW's unterwegs sind, als in Deutschland, wie wir finden. Unsere heutige Tramping-Erfahrung war langwierig und erschöpfend. Erst kamen wir aus Bern nicht richtig weg, mussten uns ein Schild für die nächste Autobahn-Raststätte basteln. Da strandeten wir dann für mehrere Stunden. Den Plan, heute noch Genf zu erkunden, hatte ich da schon beerdigt. Und wie immer im Leben, wenn man denkt, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Drei junge Schweizer nehmen uns mit bis an den Genfer See. Einer davon ist ganz ohne Geld von Schaffhausen nach Hamburg gereist. Eine tolle Erfahrung, nach dem zu urteilen, was er so erzählt. Leider dauert die Autofahrt viel zu kurz. Uns fällt auf, dass auch wir bisher mit extrem wenig Geld ausgekommen sind. Vor allem in der Schweiz. Auch für die letzten paar Kilometer finden wir zwei junge französischsprachige Schweizer, die uns mitnehmen. Sie sind nicht so gesprächig, wir sprechen die ganze Fahrt über kaum ein Wort. Einiges hat sich verändert auf der kurzen Strecke von Bern nach Genf. Plötzlich sprechen alle Französisch. Und alles sieht französisch aus. Alle Schilder sind auf französisch. Genf ist groß, die Gebäude wuchtig, die Stadt überlaufen, versnobt. Wir haben sie Kommerz-Stadt getauft. Überall Geschäfte. Louboutin, Cartier, Tiffany's. Die Menschen schick angezogen, international. Schon im Mittelalter war Genf mit seinen regelmäßig stattfindenden Messen von Bedeutung. Italiener, Franzosen, Ravensburger kamen hierher um zu kaufen und zu verkaufen. Vielleicht ist das geblieben. Wir wissen es nicht genau. Aber es ist anstrengend. Die vielen Menschen, die Reklame, die Geschäfte. Die wirkliche Seele der Stadt können wir nicht greifen, sie liegt unter dem Konsum verborgen. Einen Eindruck von der Architektur der Stadt können wir nicht in Worte fassen. Aber die „vielle ville“ ist schön, die Altstadt. Kleine Gassen, nicht so viele Menschen. Die Cathedrale Saint-Pierre. Das Maison Tavel, das älteste Gebäude Genfs, aus dem 14. Jahrhundert. All das dokumentieren wir. Wir bekommen zwar keinen richtigen Eindruck, welches Genf die Humpis damals erlebt haben, aber wir besuchen die Gebäude, die auch zu ihrer Zeit schon standen. Wobei das in Genf wirklich nur sehr wenige sind. Die Lagerhallen am Place du Molard, wo die Messen einst stattgefunden haben, stehen nicht mehr. Den Platz gibt es noch. Genf und Lyon waren vor allem durch ihre Messen für die Handelsgesellschaft von Bedeutung. Außerdem lagen Sie ungefähr in der Mitte der Handelsachse Ravensburg - Barcelona - Saragossa, Valencia. Genf liegt strategisch günstig am Ausgangspunkt der großen Nord-Süd-Verbindung durch das Rhônetal auf einem Hügel nahe einer Brücke über die Rhône, die hier den Genfer See verläßt. Seit der Antike ermöglichte der Hafen die Umladung der Güter vom Wasser- auf den Landweg, was wegen der Geländeverhältnisse auch notwendig war. Morgen gehen wir noch zum Place du Bourg-de-Four, hier wurden schon im Mittelalter Märkte abgehalten. Ansonsten finden wir keine Spuren der Humpis, auch wenn wir wissen, dass sie in Genf sogar ein Gelieger hatten. Naja, es kann nicht immer funktionieren.

Anne

Freitag, 18. September 2015

Auf den Spuren der Humpis - Tag 5

Bern. So schön, wie unsere kleine Liebesgeschichte mit Bern angefangen hat, so schnell war sie zu Ende. Dauerregen macht uns einen Strich durch die Rechnung, wir können nicht starten. Wir sitzen also daheim fest, planen den nächsten Stopp Genf. Seit zwei Tagen haben wir wirklich kein Glück mit dem Wetter. Gegen Nachmittag soll es besser werden. Wir absolvieren unser Radio-Interview, mittlerweile routinierter. Die Aufregung ist nicht mehr so groß. Das Interesse der Redaktion allerdings auch nicht. Na klar, Mittelalter ist ein schweres Thema. Aber man kann es spannend erzählen. Und wenn unsere Reise kein Abenteuer ist, dann weiß ich auch nicht. Jeden Tag begegnen uns Dinge, ereignen sich Situationen, die uns an die Kaufleute erinnern. Wir fühlen uns ihne nahe. Wir laufen Straßen entlang, die auch die Humpis hinunter geschritten sind. Wir stehen auf denselben Steinen. Wir stehen in Kirchen, in denen auch vor 600 Jahren schon die Kaufleute gestanden und gebetet haben. Wir ächzen unter unseren schweren Rucksäcken und sind froh über unsere Regenjacken und bewundern gleichsam die Menschen des Mittelalters die über keine so komfortable Ausrüstung verfügten. Wir freuen uns nach einem anstrengenden Tag auf ein leckeres Schweizer Raclette und fragen uns, was wohl die Kaufleute der großen Ravensburger Handelsgesellschaft auf ihren Reisen gegessen haben. Wo sie gegessen haben. Und wie sie genächtigt haben. Ganz bewusst haben wir uns bisher auf unserer Reise gegen ein bequemes Hotelzimmer entschieden. Auch wir übernachten bei Menschen, die uns eine Herberge bieten. Ohne dafür etwas zu verlangen. Außer ein nettes Wort am Morgen oder ein Beisammensitzen am Abend. Wir leben in einer Zeit der Vernetzung. In einem vernetzen Europa. Wir können uns im Internet mit allen möglichen Menschen verbinden, sie zu Hause besuchen, uns austauschen. Auch bei den Humpis ging es um Vernetzung. Sicherlich, hier war es ein Handelsnetz, dass gesponnen wurde. Dieses Handelsnetz besteht heute noch. Und auch wir bauen uns um dieses Netz ein weiteres Netz der menschlichen Begegnungen auf. Sammeln Geschichte, lernen Menschen, Kuturen kennen. Wie auch die Kaufleute es erlebt haben müssen. Bleiben nicht anonym, sondern mischen uns unter die Menschen, in ihre Wohnungen, ihre Autos, ein Stück weit in ihr Leben. Und sind so viel näher dran. Auch an den Kaufleuten. Das nur am Rande dieser Reise. Weil es mich doch sehr beschäftigt. Unsere Spurensuche ist mehr oder weniger zu einer Art Routineuntersuchung geworden. Wir klappern die wichtigsten Orten anhand eines Stadtplans ab, informieren uns in der Touristeninformation. Durchstreifen die Gassen und halten die Augen offen. Oft ist die Spurensuche nicht so ergiebig. Wir finden alte Gebäude, Straßenzüge, vor allem Kirchen. Aber wenig spektakuläres, wenig greifbares, besonderes. So auch hier in Bern, dessen Grundriss der Altstadt nahezu identisch ist mit der mittelalterlichen Stadt. Auf dem Turm des Münsters sprechen wir mit dem Turmwart über Bern im Mittelalter, seine Bedeutung als Handelsstadt, die eher im regionalen, weniger im internationalen Handel lag. Das hatten wir schon gehört. Im Münster dann doch eine Spur. Eine Fenstermalerei weist auf das Wappen der Familie Diesbach hin. Die Familie Diesbach der Diesbach-Watt-Gesellschaft, eine der größten Konkurrentinnen der Ravensburger Handelsgesellschaft? Wir wissen es nicht, schreiben es auf und werden es zu Hause recherchieren. Wir besteigen noch den Rosengarten für einen letzten Ausblick auf die Altstadt, das Mattequartier, in dem die Flösser, Gerber und einfachen Leute gelebt haben. Und in dem Casanova ein Bordell besuchte. Am Abend kommt sogar die Sonne heraus. Ein Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau bleibt uns aber dennoch verwehrt.

Anne

Auf den Spuren der Humpis - Tag 4


Von Konstanz nach Bern. Heute wollten wir mal etwas Neues ausprobieren. Auto-Stopp, wie man in der Schweiz sagt. Per Anhalter durch die Schweiz. Wir starten gut, wenn auch etwas geschummelt. Ein Bekannter von Friederike nimmt uns mit bis kurz vor Zürich. Er lebt in Konstanz und arbeitet in der Schweiz. Auch nicht schlecht. Er im Hemd, wir in Wanderklamotten. Kurz vor Zürich, am Rastplatz Kemptthal, ässt er uns raus. Jetzt startet das erste richtig große Abenteuer unserer Reise, wir wollen versuchen zu trampen. So richtig haben wir das noch nie gemacht. Aber wir sind vorbereitet. Wir haben ein Pappschild mit unserer Wunschdestination dabei. Nach Bern soll's gern. Kulli auf grauem Grund. Wir stärken uns noch einmal mit einem Picknick auf dem Rastplatz, bevor wir richtig loslegen. Gerade als wir uns aufgestellt haben, beginnt es zu regnen. Kein guter Start. Und auch generell scheint die Glückssträhne abzureißen. Wir postieren uns zweimal um, doch 1,5 Stunden lang will uns einfach niemand mitnehmen. Manche lächeln, ziehen die Schultern hoch und deuten, dass sie in die andere Richtung fahren. Manche fahren auch einfach ausdruckslos an uns vorbei. Aber dann, ein Geschäftsmann nimmt uns mit bis in die Züricher Innenstadt. Immerhin. Wir sind erleichtert, freuen uns. Zwar nicht bis Bern, aber immerhin mal kurz im Auto aufwärmen. Im regnerischen Zürich machen wir uns auf zu unserem nächsten Tramp-Punkt. Wir laufen Richtung Autobahn gen Bern. An einer Ampel kurz vor der Auffahrt stellen wir uns auf. Ob das was wird. Die Autos rasen mit mehr als 60 km/h an uns vorbei. Sekündlich schwindet unsere Hoffnung hier mitgenommen zu werden. Zur Not nehmen wir halt den Zug. Aber nach 5 Minuten Wartezeit mit Daumen raus hält eine ältere Dame an, sie nimmt uns mit nach Bern. Wir können unser Glück kaum fassen. Ihr Fahrstil ist allerdings etwas gewöhnungsbedürftig. Doch wir sind müde und dösen die 1,5-stündige Fahrt vor uns hin. Bern empfängt uns in strömendem Regen. Wir flüchten uns in das nächste Café. Heute werden wir wohl keine Spurensuche mehr starten. Wir widmen uns der Planung der nächsten Tage, schreiben Notizen, reden. Zum Abend hin klart der Himmel auf, wir treffen uns mit unserem heutigen Gastgeber am Bahnhof. Auf dem Weg dorthin mit der Tram erhaschen wir einen kleinen Blick auf die Schönheit dieser Stadt. Und sie ist wahrlich schön. Ich habe schon einige Städte gesehen, doch Bern, mit den imposanten Gebäuden aus dem 17. Jahrhundert, dem Alpenpanorama. Das gefällt mir unglaublich gut. Unser Gastgeber wohnt nicht allzu weit von der Altstadt entfernt. An der Aare entlang werden wir morgen in die Altstadt laufen. Aus dem Bus sehen wir noch einmal kurz die Alpen. Schneeberge, glitzernd, vor blauem Himmel, unbewegt. Zu Hause angekommen, werden wir von fünf 4 Wochen alten Katzenbabys begrüßt. Der Abend ist also gelaufen. Wir verbringen den restlichen Tag kuschelnd auf dem Boden mit fünf Babykatzen und tanken Energie für die Berner Spurensuche.

Anne

Mittwoch, 16. September 2015

Auf den Spuren der Humpis - Tag 3


Konstanz. Die erste „echte“ Station auf unserer Reise. Nach einer erholsamen Nacht startet der Tag mit einem aufregenden Radio-Interview. Ganz modern, per Smartphone. Doch die Moderatorin ist locker, das Gespräch kurzweilig. Ich erzähle von der bisher wenig ergiebigen Spurensuche und sage, dass ich mich auf den heutigen Tag freue. Konstanz. Stadt am Bodensee. Heimathafen der Kaufmannsfamilie Muntprat. Auf den Spuren der Muntprats, für den heutigen Tag. Das macht aber nichts, denn auch die gehören zur Großen Ravensburger Handelsgesellschaft und auch die haben in Barcelona gehandelt. Es wäre doch gelacht, wenn sich da nichts finden ließe. Auf dem Plan stehen: die Muntpratstraße, das Konzil, das Münster, die Imperia. Und ein Gang zur Tourist Information. Vielleicht wissen die ja mehr als wir. Beginnen wir also mit einem Gang durch die Muntpratstraße. Ein paar schöne Altbauten, aber keine mittelalterlichen Spuren. Wir erinnern uns. Eine Straße wird nicht unbedingt nach einer Person benannt, weil diese dort wohnte, sondern weil sie eine Bedeutung für die Geschichte der Stadt hatte. Wir sind ein bisschen enttäuscht. In dieser Straße werden die Muntprats wohl kaum gewohnt haben. Weiter durch die Altstadtgassen. Ein bedeutendes Gebäude reiht sich an das nächste, viele fein-säuberlich mit Plaketten versehen, die die Geschichte des Hauses erzählen. Viel Mittelalter, aber die Muntprats finden wir nicht. Wir ziehen also den Joker, die Tourist Information. Und tatsächlich, ein paar Telefonate später, ist man dort wirklich schlauer als wir. Ein Muntprat-Haus soll es geben. Heute ein Bettenhaus. Und in einer Seitenkapelle des Münsters, läge der Bruder vom Luitfried, Hans, begraben. Das klingt nach einer heißen Spur. Wir nehmen noch schnell das Konzilsgebäude, damals Warenlager, und ein paar schöne Aufnahmen von Hafen und See mit und begeben uns auf Spurensuche. Die erste richtige. Mit Informationen, die wir in den weiten des Internets nicht gefunden haben. Und tatsächlich, wir finden das Haus der Muntprats. Gelb, Mehrstöckig, heute ein Bettenhaus. Eine Inschrift an der Seite erzählt uns, dass dort einst wichtige Kaufleute gelebt haben. Kein direkter Hinweis auf die Muntprats, schade. Aber wir wissen's ja besser. Das unbeständige Wetter zwingt uns zu einer kurzen Pause, bevor wir uns der zweiten Spur widmen. Das Grab des Hans Muntprat. Wir nutzen die paar wenigen Sonnenminuten, um den Turm des Münster zu erklimmen. Zumindest versuchen wir es. Ich gebe nach der ersten Plattform auf, Höhenangst. Friederike geht vor. Ich traue mich dann doch. Stolz. Der Blick ist fantastisch. Wir schauen hinüber in die Schweiz, die uns ab morgen für drei Tage beheimaten wird. Noch ganz beschwingt von den schönen Panorama-Bildern fällt der Abstieg leichter. Nun das Grab. Die Dame an der Kasse weiß nichts von einem Hans Muntprat, der hier begraben ist. Sie ruft einen Kollegen. Zusammen wälzen wir einen dicken Band über Konstanz und finden tatsächlich einen Hans Muntprat, der hier begraben liegt. Der Kollege sagt, wir müssen vielleicht den Teppich ein bisschen beiseite ziehen, um das Grab freizulegen. Wir tun wie uns geheißen und dokumentieren. Eine weitere Spur. Zwar nicht von Luitfried Muntprat, aber immerhin von seinem Bruder. Das Münster ist dann auch die letzte Station für heute. Wir sind hungrig und müssen noch einkaufen. Die nächsten Tage in der Schweiz werden entbehrungsreich.

Anne

Dienstag, 15. September 2015

Auf den Spuren der Humpis - Tag 2

Von Markdorf nach Konstanz. Oje, alles tut weh. Erstaunlicherweise. Heute Morgen hatten wir beide das Gefühl, das wird ein guter Tag, ohne Muskelkater. Wir hatten uns wohl getäuscht. Nach wenigen Kilometern kamen die bekannten Zipperlein zurück. Im Markdorfer Sportfachgeschäft belehrte man uns noch, das läge nicht an der falschen Einstellung des Rucksacks. Das darf ruhig in den Schultern ziehen. Das sei ein Muskelkater, das geht weg. Nach ein paar Tagen. Also gut, dann immer weiter Richtung Bodensee. Und was macht die Wandersfrau, wenn der Weg lang, die Aussicht immer die gleiche ist? Sie stimmt ein Wanderlied an. Dummerweise kennen wir die Texte nicht. Es reicht nur für den Anfang, oder den Refrain. „Das Wandern ist des Müllers Lust....“, „im Frühtau zu Berge wir ziehen, fallera, nänänänänänänänänä fallera“. Wir haben  ein Medley daraus gemacht. Aus den nicht abgeschlossenen Wanderliedern auf unserer noch lange nicht abgeschlossenen Reise. Von den Kaufleuten sehen wir heute nicht viel. Die Etappe ist eher Mittel zum Zweck. Der Zweck nämlich, Konstanz zu erreichen. Da ging auch schon im Mittelalter viel. Vor allem, wenn man aus der Familie Muntprat stammte. Aber Konstanz liegt noch vor uns. Dazu morgen mehr. Nach einer wenig ereignisreichen Wanderung, das Wetter ist grau und kühl, erreichen wir Meersburg. Natürlich machen wir einen Abstecher in die historische Altstadt und zur Burg. Vielleicht sind auch die Kaufleute damals schon durch diese historischen Straßen gezogen. Wir wissen es nicht genau. Gestärkt mit einem Eis im Magen machen wir uns jedenfalls auf zur Fähre. Heute führen wir ein neues Verkehrsmittel in unsere Reise ein: die Fähre. Die Autofähre von Meersburg nach Konstanz. Groß, Metallisch, Laut. Sie ist heutzutage das Mittel der Wahl, um den See zu überqueren. Wahrscheinlich sind auch die Kaufleute damals schon mit Booten über den See gefahren. Konstanz empfängt uns im Regen. So wie wir im Nieselregen starteten, so kommen wir heute an unserer ersten richtigen Station an: Konstanz. Doch einen Blick für die Schönheiten dieser Stadt haben wir heute nicht mehr, wir sind erledigt. Wir haben morgen einen ganzen Tag, um die Stadt zu erkunden. Das wird schön. Auch heute kommen wir wieder bei netten Menschen unter, die uns auf unserer Reise unterstützen wollen. So wie Judith in Markdorf gestern. Mit Chili con Carne im Bauch auf einer kuscheligen Eckcouch schlief es sich gar nicht so schlecht. Im historischen Konstanz schlafen wir heute direkt unterm Dach. Mit altem Gebälk. Selten haben wir uns in unserer Herberge den Kaufleuten so nahe gefühlt. Wenn man die Augen schließt hört man den Kirchturm läuten, der Holzboden quietscht unter den Schritten unser geschunden Füße.

Anne

Montag, 14. September 2015

Auf den Spuren der Humpis - Tag 1

Die erste Nacht im fremden Bett ist überstanden. In Ravensburg sind wir bei Freunden von Freunden von Freunden untergekommen. Fremde Menschen eigentlich, von denen wir lediglich die Vornamen und die Adresse kannten. Und dennoch hat man uns unglaublich herzlich empfangen. Wie gute Bekannte. Zur Begrüßung gab es eine Schüssel heißes Curry, wir sind mitten in ein gemeinsames Kochen unter Freunden geplatzt. Und wurden sofort in die Runde aufgenommen, integriert. Toll, dass es Menschen gibt, die fremde Menschen so ganz unvoreingenommen aufnehmen. Nette Menschen. Markus, Jonas und Stefan von lustblume.de sind ein paar lustige Typen. Haben ihre eigene Videoagentur und betreiben eine Beratungshomepage für Sexspielzeug. Trotz des lustigen Abends schlafen wir schlecht. Sicher die Aufregung vor dem heutigen Tag. SWR- Interview, Auftakt der Reise, die erste Etappe zu Fuß. Ersteres läuft schon mal ganz gut. Pünktlich um acht stehen wir vor dem SWR-Korrespondentenbüro in Ravensburg mit Andreas Schmauder vom Humpis-Quartier. Das Interview ist kurz und schmerzlos. Warum die Aufregung? Gut, hinterher ist man immer schlauer. Vor den nächsten Interviews ist die Angst jetzt also deutlich gesunken. Die Moderatorin wünscht uns alles Gute für die Reise und los geht’s. Während wir uns auch von Herrn Schmauder noch gute Wünsche mit auf die Reise geben lassen, geht draußen die Welt unter. Doch kaum lufen wir los, hört es auf zu regnen. Als würde es das Wetter gut mit uns meinen. Die Reise steht unter einem guten Stern. Noch schnell beim Supermarkt Reiseproviant gekauft und dann verlassen wir Ravensburg Richtung Oberteuringen. Auf unsere erste Spur, eine Humpisstraße. Und tappen bereits in die erste Falle. Auf die Wanderwege des Schwäbischen Albvereins war kein Verlass. Drei Schilder mit der Aufschrift „Wanderweg“, die in drei verschiedene Himmelsrichtungen zeigten, machten es uns nicht einfach. Gut, dass wir eine Karte dabei haben. Aber die bringt auch nicht mehr Klarheit. Nach einigen Irrungen und Wirrungen geraten wir zurück auf den rechten Weg, mit einer knappen Stunde Verspätung. Dank GPS. Denn ohne Smartphone ging es dann eben doch nicht. Wir fragen uns mit jedem Kilometer mehr, wie es die Kaufleute vor 600 Jahren ganz ohne Wanderkarte und Smartphone bis nach Barcelona geschafft haben. Und ärgern uns über uns selbst, dass wir dazu nicht in der Lage sind. Und außerdem tut alles weh, schon nach den ersten paar Kilometern. Wir sind ganz schön verwöhnt und verweichlicht. Bei dem Gedanken, die gesamte Strecke bis nach Barcelona, so wie die Kaufleute, zu Fuß zurückzulegen, sträuben sich uns die Nackenhaare. Wir würden kapitulieren. Denn schon jetzt bilden sich Blasen an den Fußsohlen, die Schultern brennen vom schweren Rucksack und irgendetwas knackt da in der Hüfte. Einzig das Wetter hat uns heute die Treue gehalten. Von weiten sehen wir das Unwetter vor uns herziehen. Nach uns die Sintflut, nur andersherum. Die gesamte Strecke vorbei an unzähligen Apfelplantagen, von deren Qualität wir uns nur einmal überzeugen, bleiben wir trocken. Mit letzter Kraft, wir haben die letzten 4 km unterschätzt, erreichen wir den Stadtrand von Markdorf. Beim ersten Supermarkt halten wir an, wir brauchen Zucker. Mit einer Cola bewaffnet, machen wir es uns auf dem Parkplatz bequem, weiter schaffen wir es nicht. Und wieder bewundern wir die Kaufleute, die es ohne zuckrige Energie-Cola damals so viel schwerer gehabt haben mussten. Denn wir sind nach unseren ersten 25 km ganz schön geschafft. Pünktlich zum Einbruch des Platzregens werden wir abgeholt von unserer heutigen Gastgeberin Judith. Es gibt Chili con Carne. Cowboy-Essen als Stärkung für unsere morgige Etappe bis Konstanz. Natürlich wieder zu Fuß. Aber erst nach einer hoffentlich erholsamen Nacht mit müden Gliedern.

Anne